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Warum ein Sexkaufverbot kein fortschrittlicher Umgang mit Prostitution ist.

Ich kann und möchte mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, zehn mal am Tag Sex haben zu müssen. Ich hatte bis vor wenigen Wochen auch noch kaum Ahnung von den verschiedenen Realitäten in der Prostitution. Aber ich erzähle euch, was ich verstanden habe.

„Zehn Mal am Tag, halte ich für unrealistisch.“, sagt Miss Daria. Sie ist selbstbestimmte Sexarbeiterin aus Stuttgart. Miss Daria empfängt einen oder auch mal drei Kunden am Tag und das auch nicht jeden Tag. Sie kann sich ihre Kunden aussuchen. „Wenn jemand respektlos ist, werfe ich den raus.“, erzählt sie mir selbstbewusst. Sie verdient mindestens 220 Euro pro Stunde.

Sexarbeit ist viel mehr, als nur der schnelle Fick.

Miss Daria, Sexarbeiterin

Sexarbeit ist, neben Straßenstrich oder Laufhaus, auch Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderungen, die Unterstützung brauchen, um ihre Sexualität auszuleben. Sexarbeit kann auch in anderer Form etwas Therapeutisches haben, erzählt mir ein Callboy vom Callboy-Verzeichnis. Er hat bei seinen bezahlten Dates auch Frauen getroffen, die in der Vergangenheit sexuelle Gewalt erlebt haben und sich wünschen, mal wieder in einem geschützten Rahmen Sexualität auszuprobieren – weil sie sicher sein können, dass der Callboy nur macht, was sie wollen.

Traum oder Trauma?

Genau wie die Callboys geht auch Miss Daria auf die Wünsche ihrer Kundinnen und Kunden ein. Sie erzählt mir, dass sie viele großartige Momente mit den Menschen hat, die zu ihr kommen. Für sie ist das ein Geschenk, wenn ihr jemand seine intimsten Fantasien anvertraut und sie daran teilhaben darf.

Für einige Frauen in der Prostitution ist das aber ein Albtraum. Orinta war jahrelang Prostituierte. Angefangen hat sie mit 19. Sie erzählt mir von 10 Freiern pro Tag. Einmal waren es sogar 16.

Mit zehn Männern am Tag zu schlafen ist traumatisch.

Orinta, ehemalige Sexarbeiterin

Viele Dinge fand Orinta ekelig. Sie hat ihre Gefühle unterdrückt und weitergemacht. Inzwischen möchte sie nicht mehr in der Erotikbranche arbeiten, sondern als Sexualberaterin.

Viele Frauen, die im Ausland in Armut leben, träumen davon, hier in Deutschland Geld zu verdienen. Anita Beneta ist die Leiterin der Beratungsstelle für Prostituierte, Luis.e, in Karlsruhe. Sie erzählt mir ein Beispiel aus Rumnänien. Da ist Prostitution verboten. Stattdessen werden junge Frauen aber angeworben, in Deutschland 5.000 - 20.000 Euro im Monat zu verdienen. Manchmal wird direkt gesagt, dass es sich dabei um Prostitution handelt, manchmal ist auch von einem Nanny-Job die Rede. Das Einzige, was stimmt, ist, dass die Frau sich prostituieren wird. Reich wird dabei keine von ihnen. Anita hat von Preisen auf dem Straßenstrich gehört: 5 Euro - all inclusive.

Was kann ein Sexkaufverbot?

Menschen, die in die Sexarbeit hineingelogen und dann durch Billigpreise ausgenommen werden, die dadurch Gewalt und Traumata erleben - die will man schützen.
Ein Sexkaufverbot würde es Freiern verbieten, sexuelle Dienstleistungen zu kaufen. Dieses sogenannte „Nordische Modell“ (heißt so, weil skandinavische Länder wie Schweden und Norwegen diese Gesetzgebung eingeführt haben) schützt also die Prostituierten und kriminalisiert die Kunden. Außerdem sorgt es dafür, dass Menschen geholfen wird, die aus der Prostitution aussteigen wollen und es soll eine Sexualaufklärung in der Gesellschaft, zum Beispiel in Schulen, stattfinden.

In der Theorie führt das dazu, dass Freier abgeschreckt werden, also weniger Leute Sex kaufen wollen. Zusätzlich sollen Menschenhandel und Zwangsprostitution für Kriminelle unattraktiver werden.

In der Realität gibt es Studien, die zeigen, dass Menschenhandel und der Straßenstrich durch ein Sexkaufverbot zurück gegangen sind. Genauso gibt es aber auch Untersuchungen, in denen Prostituierte erzählen, dass sie trotzdem im Verborgenen weiterarbeiten und dadurch das Risiko für Gewalt viel höher ist.

Der Spagat: Sexarbeit möglich machen - Ausbeutung verhindern

Wie schafft man es jetzt, selbstbestimmten Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen ihren Beruf zu ermöglichen und gleichzeitig Menschen vor Armuts- oder Zwangsprostitution zu schützen?

Darüber habe ich mit Miss Daria gesprochen, die ganz richtig darauf hinweist, dass Menschenhandel und Zwangsprostitution schon strafbar und gesetzlich geregelt sind. Um Frauen in der Armutsprostitution zu helfen, müsse man ihnen vor allem eine Stimme geben und sie stark machen, damit sie zum Beispiel nicht für Billigpreise arbeiten.

Wie schafft man es, selbstbestimmten Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen ihren Beruf zu ermöglichen und gleichzeitig Menschen vor Armuts- oder Zwangsprostitution zu schützen? Darüber haben wir unter anderem mit Sexarbeiterin Daria geredet. Mehr Infos zu unserem DASDING Spezial: "Sexarbeit - Schnelles Geld oder brutale Ausbeutung?!" gibt's mit dem Link in der Bio! ______________ #stuttgart #dasding #zitat #meinung #sexarbeit #job #gehalt

Auch Anita Beneta von der Beratungsstelle in Karlsruhe glaubt nicht, dass ein Sexkaufverbot nach Nordischem Modell die Probleme von Armutsprostitution lösen würde. Stattdessen sei es schon jetzt nötig, viel mehr Beratung und Angebote für Menschen zu schaffen, die aus der Prostitution aussteigen wollen. Dafür brauche man Sprachkurse, Traumatherapeuten und Therapeutinnen, Wohnungen und Jobs. Die müsse man unabhängig von einem Sexkaufvebot einrichten.
Außerdem fordert sie Anti-Propaganda in Herkunftsländern, wie im Beispiel aus Rumänien. Man müsse die Frauen schon vor Ort aufklären und ihnen sagen, dass sie mit Prostitution nicht reich würden.
Trotzdem: Das Gute an einem Sexkaufverbot sei für Anita, das Signal an die Gesellschaft, dass man einen Menschen nicht kaufen könne.
Genau an dem Punkt hakt Miss Daria in unserem Gespräch ein.

Man kann nicht meinen Körper kaufen. Man kauft eine sexuelle Dienstleistung. Das ist ein himmelweiter Unterschied.

Miss Daria, Sexarbeiterin

Und jetzt sind wir beim Respekt. Und der fehlt.

5 Gedanken zum Respekt

  1. Egal, ob in einer Partnerschaft oder in einem Kunden-Dienstleister-Verhältnis in der Sexarbeit: Menschen gehören niemals einem anderen Menschen. Und deshalb kann man auch nicht mit ihnen machen, was man will. Das ändert sich auch dann nicht, wenn man Geld für eine Dienstleistung bezahlt. Wenn ein Freier einer Prostituierten Gewalt antun, weil er denkt, er habe ein Recht darauf, sich zu nehmen, was er will, weil er dafür bezahlt hat, dann ist das widerlich und respektlos.
  2. Einer Prostituierten vor Gericht nicht zu glauben, wenn sie eine Vergewaltigung anzeigt, weil sie sich mit dem Job nun mal selber in die missliche Lage gebracht habe, ist respektlos und zeigt, wie sehr diese Berufsgruppe stigmatisiert ist.
  3. Sex hat einen Wert. Einfach, weil Menschen einen Wert haben. Und der Wert von Menschen variiert nicht. Und deshalb kann es nicht sein, dass Sex mal 5 Euro kostet und nur manchmal 220. Eine sexuelle Dienstleistung für Billigpreise zu kaufen, weil der Prostituierten aus Armut nichts anderes übrigbleibt, ist respektlos.  
  4. Menschen zu manipulieren und zu belügen, um sie in die Sexarbeit zu bringen, ist respektlos.
  5. Einer selbstbestimmten Sexarbeiterin ihren Beruf unausübbar zu machen, ist auch respektlos.

Am Ende vermute ich, dass wir mehr über Sexarbeit reden müssen, um zu verstehen, dass es nicht nur eine Form von Prostitution gibt, aber genug Zustände, die wir so nicht lassen können.
Und bevor wir über irgendeine neue Regel für Sexarbeit sprechen, sollten wir als ganze Gesellschaft anfangen darauf zu achten, dass diese Regel immer gilt:
Sex und sexuelle Dienstleistungen gibt’s nur mit Respekt.

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